Lauréats

Reto Knutti

portrait reto knutti

29ème remise du Prix
de la Fondation Dr. J. E. Brandenberger
le 24 novembre 2018 à Zurich

2018 geht der Preis der Stiftung Dr. J.E. Brandenberger an Reto Knutti, Professor für Klimaphysik an der Eid. Technischen Hochschule in Zürich

 
 
HERAUSRAGENDE LEISTUNGEN IN DER ERFORSCHUNG DES KLIMAWANDELS UND DER VERMITTLUNG DER FORSCHUNGSERGEBNISSE AUSGEZEICHNET

Professor Dr. Reto Knutti, Professor für Klimaphysik an der ETHZ, wurde für seine herausragenden Leistungen in der Erforschung des Klimawandels und für die Vermittlung seiner Erkenntnisse an die Öffentlichkeit mit dem Preis der Stiftung Dr. J.E. Brandenberger 2018 ausgezeichnet. Damit wird ein Lehrer und Forscher geehrt, der sich mit grossem, anhaltenden Einsatz für den Schutz des Klimas weit über die Landesgrenzen hinaus engagiert und es versteht, die Erkenntnisse und seine Forschung in den Dienst der Gesellschaft zu stellen.

Der in Gstaad aufgewachsene Reto Knutti interessierte sich schon als Schüler für das Klima. «Das hat wohl mit dem Leben in den Bergen zu tun,» meint er, «da ist man eng mit dem Wetter verbunden.» Für ihn war klar, dass er an der Universität Bern Physik studieren will; sein grosses Vorbild auf dem Gebiet der Klimaforschung ist der renommierte Berner Klimaphysiker Professor Dr. Thomas Stocker. «Er wurde mein Doktorvater und ist für mich auch heute noch eine Leuchtfigur.»
Wie sollte unsere Welt in 20 bis 30 Jahren aussehen? Wie schärfen wir unser Bewusstsein für die Risiken des Klimawandels? Wie schaffen wir gesellschaftliche und politische Akzeptanz für die unwiderlegbaren Fakten der Klimaforschung? Als einer der Hauptautoren des Klimaberichts des Weltklimarates (IPCC) zeigt Reto Knutti die Auswirkung der Klimaerwärmung auf unseren Planeten. Er leitet die Gruppe für Klimaphysik am Institut für Atmosphäre und Klima des Departements für Umweltsystemwissenschaften an der ETH Zürich, ist Delegierter für Nachhaltigkeit der ETH, Präsident von ProClim und ist ein unermüdlicher Advokat in der Öffentlichkeit für ein besseres Verständnis der Komplexität des weltweiten Klimasystems und für einen verantwortungsvollen Umgang jedes einzelnen mit unserer Umwelt.

Der Preis der Stiftung Dr. J.E. Brandenberger wurde RETO KNUTTI am 24. November 2018 in ZÜRICH verliehen.

 

 

 

Eröffnungsansprache

Stiftungsratspräsident Carlo Schmid-Sutter

eroeffnungsansparache c schmid

Es freut mich, Sie im Namen des Stiftungsrates der Stiftung Dr. J. E. Brandenberger begrüssen zu dürfen, um mit Herrn Reto Knutti eine Persönlichkeit zu ehren, die sich nach dem Urteil der Preiskommission und des Stiftungsrates unserer Stiftung in ausserordentlicher Weise um das Wohl der Allgemeinheit in einem weit über das Berufliche hinausgehende Engagement verdient gemacht hat.

Vor allen anderen begrüsse ich selbstverständlich den Preisträger, Herrn Reto Knutti und seine Familie, Frau Jacqueline Flückiger Knutti sowie ihre Kinder Andrina und Lukas, die Eltern und Schwiegereltern und weitere Verwandte aus der Heimat des Preisträgers, dem Kanton Bern, dessen Universität mit Reto Knutti eine herausragende Forscher- und Lehrerpersönlichkeit hervorgebracht hat.
Es freut die Stiftungsorgane, dass mit Thomas Stocker der Doktorvater des Preisträgers und Präsident des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung der Universität Bern, dem Wegbereiter der klimaphysikalischen Forschung in der Schweiz, an dieser Feier anwesend ist.
Die Anwesenheit von Mitgliedern der eidgenössischen Räte, von Vertretern des Bundesamtes für Meteorologie und Klimatologie MeteoSchweiz, des Bundesamtes für Umwelt und des Bundesamtes für Energie, von ProClim, und weiteren Institutionen und Organisationen, bezeugen die gesellchaftliche Relevanz der Tätigkeit von Professor Knutti.
Mit dem Laudator Lino Guzzella begrüsse ich gleichzeitig den Präsidenten der ETH Zürich. Seine Bereitschaft, für Reto Knutti die Laudatio zu halten, hat die Stiftungsorgane mit grosser Genugtuung erfüllt. Dies nicht nur, weil Reto Knutti auf diese Weise auch eine Ehrbezeugung seiner eigenen Wirkungsstätte erhält, sondern auch, weil damit die Bereitschaft der ETH deutlich wird, wissenschaftliche Exzellenz in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Das ist im heutigen Wissenschaftsbetrieb, bei dem – von aussen betrachtet - das Streben nach weltweit anerkannter Exzellenz oftmals zu einem Selbstzeck verkommt – nicht selbstverständlich. Aber auch nicht überraschend, verbinden doch die ETH und die Brandenbergerstiftung seit jeher enge Beziehungen. So haben mit den Herren Hans Bühlmann und Konrad Osterwalder während Jahren zwei ehemalige Rektoren und Präsidenten der ETH im Stiftungsrat, bzw. als Präsidenten in der Preiskommission gewirkt und mit Fritz Schiesser ist der heutige Präsident des ETH – Rates ein hochgeschätztes Mitglied der  Preiskommission.

Wir überreichen den mit Fr. 200'000.00 dotierten Preis heute zum 29. Mal. Seit der ersten Preisverleihung am 6. Oktober 1990 durften wir 28 Persönlichkeiten mit dem Brandenberger Preis auszeichnen, der am 9. Dezember 1965 von der im Jahre 1986 verstorbenen Frau Irma Marthe Brandenberger in Erinnerung an ihren Vater, Dr. Jacques Edwin Brandenberger, gegründet wurde. Der in Bern promovierte Chemiker Jacques Edwin Brandenberger hat mit der Erfindung und der Kommerzialisierung der Viscosefolie "Cellophan" in Frankreich ein Vermögen gemacht. Seine Tochter und Erbin Irma Marthe Brandenberger war stark dem Gemeinwohl verpflichtet und hat ihren gesamten Nachlass der Stiftung hinterlassen. Leitgedanke der Stiftung ist die Ausrichtung eines Preises an Personen, „die sich unter grossem und anhaltendem Einsatz der Verbesserung der materiellen oder immateriellen Lebensbedingungen von Menschen verschrieben und sich dabei besondere Verdienste erworben haben.“ Unabhängig von Geschlecht und konfessioneller oder politischer Überzeugung sollen besondere Leistungen auf dem Gebiete der Natur- und Geisteswissenschaften, der Sozialarbeit, der Förderung und der Erhaltung der humanitären Kultur sowie der Hebung des Lebensstandards ausgezeichnet  werden.
Wir durften Personen auszeichnen, die sich um die Erhaltung und Verbesserung der Lebensverhältnisse durch Beiträge im Bereiche der Ökologie und der Biologie verdient gemacht haben: René Haller, der wegweisende Verfahren zur Renaturierung verseuchter Industriestandorte entwickelte umsetzte; Hans Christoph Binswanger, der grundlegende Beiträge zum Einbezug der Umwelt in geldtheoretische Modelle erarbeitete; Hans Thierstein, der früh an dieser Schule transdisziplinäre Umweltforschung trieb; Hans Rudolf Herren, der für die Ernährungssicherheit in den Tropen biologische Schädlingsbekämpfungsmethoden entwickelte und umsetzte; Regula Ochsner, die mit einfachen und effizienten Massnahmen gegen die Abholzung von Tropenwäldern kämpft; Martin Wegelin, der mit einfach anzuwendenden physikalischen Methoden zur Versorgung benachteiligter Gegenden mit sauberem Trinkwasser beiträgt; Walter J. Ammann, der mit dem Konzept des integrierten Risikomanagements öffentliche Verantwortungsträger in aller Welt sensibilisiert.
Zur Verbesserung der Lebensgrundlagen gehört auch die Vermittlung von Bildung und die Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten in schwierigstem Umfeld und Entwicklung von Verfehren zum Erkennen und das Lösen sozialer Probleme in einer alternden Gesellschaft. Für ihre Leistungen auf diesem Gebiete sind gewürdigt worden Frau Margherita Zöbeli, Gründerin von Bildungseinrichtungen im Nachkriegsitalien; Christine Appenzeller, Gründerin von Bildungseinrichtungen in Peru; Judith Keller, Gründerin von Bildungseinrichtungen in Indien; die Gründer von Institutionen für die sprachliche, kulturelle und berufliche Integration von Erwachsenen Piergiorgio und Simonetta Tami sowie Susanna Fankhauser – Peres de Leon.
Auch die Schaffung von Kommunikationsmöglichkeiten, sei es für den Transport von Gütern oder für den Transport und Verarbeitung von Informationen dient der Verbesserung der Lebensgrundlagen. In diesem Bereiche haben wir würdigen dürfen Heinrich Schmid, Schöpfer des Romantsch Grischun; Jean – Claude Gabus, der die Kommunikation behinderter Menschen mit elektronischen Mitteln erleichterte; Toni Rüttimann, den genialen Brückenbauer in Mittelamerika und Südostasien und Carl August Zehnder, den Promotor der Informatik in den öffentlichen Verwaltungen.

Für ihre kulturellen Beiträge sind mit dem Preis der Stiftung ausgezeichnet worden: Alfred Berchtold, Reni Mertens und  Herr Walter Marti, Jürg Wyttenbach, die benediktinische Schwesterngemeinschaft des Klosters St. Johann in Müstair, der Clown Dimitri und die Genfer Verlegerin Marlyse Pietri.

Der Einsatz für die Beachtung der Menschenrechte und die humanitäre Hilfe ist eine edle Aufgabe, der sich bedeutende schweizerische Persönlichkeiten gewidmet haben und deren Auszeichnung für die Stiftung selbst eine Ehre war: Hans Haug, Schöpfer der Anti – Folter- Konvention,  den ehemaligen IKRK – Präsidenten Cornelio Sommaruga, den UNO Delegierte für Vertriebene Walter Kälin, die OSZE- und UNO- Delegierte im Balkan, im Kaukasus und in der Ukraine, Heidi Tagliavini und die Gründerin der schweizerischen Afghanistanhilfe Verena Frauenfelder.

Herr Reto Knutti setzt die Reihe dieser verdienten Persönlichkeiten als 29. Preisträger fort. Ohne der Laudatio vorgreifen zu wollen, darf ich Ihnen doch die Beweggründe der Preiskommission und des Stiftungsrats  für die Wahl des diesjährigen Preisträgers darlegen.

Reto Knutti ist ein erfolgreicher Lehrer und Forscher, der mit seinem weltweiten Renommé und seinem aussergewöhnlich hohen Zitationsindex dem Forschungsstandort Schweiz im allgemeinen und der Technischen Hochschule der Schweizerischen Eidgenossenschaft im besonderen hohe Ehre einlegt. Er ist einer der führenden Klimaphysiker, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Veränderungen im Klimasystem sowie die Weiterentwicklung, Bewertung und An-wendung von Klimamodellen gehören. Er befasst  sich mit Langzeitprojektionen des Klimasystems, der Erstellung von Klimaszenarien, den Wechselwirkungen zwischen dem Klimasystem und dem Kohlenstoffzyklus, aber auch der natürlichen Klimavariabilität, der Erkennung und Zuschreibung von Ursachen für Klimaveränderungen oder der Klimasensitivität. In diesen Bereichen hat Professor Knutti eine herausragende Stellung erworben.
Dies allein würde die Stiftung Dr. J. E. Brandenberger allerdings nicht legitimieren, Herrn Knutti heute den Brandenbergerpreis zu überreichen; der Brandenbergerpreis ist kein Wissenschaftspreis, er ist ein Preis der Gemeinnützigkeit. Reto Knutti verbindet seit langem die äusserste intellektuelle Anstrengung des Wissenschaftlers mit der Zivilcourage des Zeitgenossen, seine Erkenntnisse, welche für uns alle von höchster Relevanz sind, ob gelegen oder ungelegen - öffentlich darzustellen. Die Preiskommission hat in ihrem Antrag an den Stiftungsrat hervorgehoben,  dass Professor Knutti mit seiner Forschungstätigkeit einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis des jüngsten Klima-wandels leiste. Er sei kein Forscher im Elfenbeinturm, sondern er vermittle seine Erkenntnisse durch unzählige Vorträge, Interviews, Berichte und Publikationen und erreiche mit seinen prägnanten Formulierungen auch ein forschungsferneres Publikum; er kämpfe dafür, dass wir uns nicht an schmelzende Gletscher, Rekordstürme und den stetig steigenden Meeresspiegel gewöhnen und er liefere auf die Frage, was „der ganz normale Schweizer denn tun könne“ , auch eine klare, jedem verständliche Antwort: „Bedenken, dass jede kleine Entscheidung eine Wirkung hat. Ob ich Obst und Gemüse lokal kaufe oder aus einem Land, aus dem es erst eingeflogen werden muss, ob ich sparsame Glühbirnen und Geräte kaufe und ein Auto mit einem kleineren Motor, der nur 3 Liter auf 100 Kilometer verbraucht. Das klingt nach keiner grossen Umstellung, macht aber in der Summe den Unterschied.“ Die Preiskommission beschliesst ihren Antrag mit der Bemerkung: „Wissenschaftliche Erkenntnisse sind von beschränkter Wirkung, wenn sie nicht verständlich vermittelt werden. Auf diesem Gebiet wirkt Prof. Knutti als echter Brückenbauer zwischen der Welt der Wissenschaft, der Politik und der Bevölkerung.“ Es ist diese Brückenbauerfunktion in einer existentiell überaus wichtigen Frage, in der sich Reto Knutti bewährt und für die wir ihn mit dem Preis der Stiftung Dr. J. E. Brandenberger auszeichnen. Und wir tun dies auch mit Blick auf die heutige Zeit, in der Expertenwissen nicht nur kritisch hinterfragt, sondern oftmals a priori als manipulierend, gekauft und irreführend verächtlich gemacht und abgelehnt wird, in der die uralte skeptische Frage des Pontius Pilatus: „Was ist Wahrheit?“ in die zynische Behauptung eines Rudolph Giuliani umkippt: „Truth isn’t truth.“ In einem solchen Umfeld wird der Wissenschafter vor die Frage gestellt, ob er sich mit der Anerkennung seiner Peers begnügen soll oder ob er sich der Ablehnung eines Teils der Öffentlichkeit stellen will. Diese heutige Preisverleihung ist auch eine Anerkennung dafür, dass der Wissenschaftler Reto Knutti mit Zivilcourage in der Öffentlichkeit agiert, mit seinem Ruf und seiner Reputation für seine Erkenntnisse einsteht.

 

 

 

 

Laudatio

Prof. Dr. Lino Guzzella

laudatio lino guzzella

Es ist mir eine grosse Freude, heute den Preisträger des Brandenbergerpreises 2018 würdigen zu dürfen. Ich tue dies in den folgenden Minuten anhand der Leistungen in den drei Bereichen, für welche Reto Knutti nun ausgezeichnet wird, nämlich:

  • als Wissenschaftler und Klimaforscher
  • als Vermittler und Kommunikator und schliesslich
  • als engagierter Experte im Sinne eines Honest Broker, wobei letzter Begriff in der Folge noch zu erläutern sein wird

Ich kenne Reto Knutti schon seit einigen Jahren, zuerst als junger Kollege, der 2007 als Assistenzprofessor an die ETH berufen wurde, und seit 2015 als mein Delegierter für Nachhaltigkeit an der ETH.
Um es gleich vorwegzunehmen: die Jury hat mit Reto Knutti eine vorzügliche Wahl getroffen.

Sie ehrt nicht nur einen herausragenden jungen Klimawissenschaftler für seine Beiträge in der Grundlagenforschung, sondern auch eine Persönlichkeit, welche die eigene Rolle als Wissenschaftler in der Gesellschaft reflektiert und unermüdlich für einen gesellschaftlichen Dialog eintritt. Einen Dialog nota bene, den er nicht selektiv oder gar elitär führt, sondern der bei ihm alle Schichten der Bevölkerung einschliesst.   
Wenden wir uns zuerst dem Forscher zu.
Reto Knutti hat an der Universität Bern Physik studiert und beim Doyen der Schweizer Klimawissenschaft - Thomas Stocker - in Klima- und Umweltphysik promoviert. Nach einem Forschungsaufenthalt als Postdoktorand und Visiting Scientist am National Center for Atmospheric Research in Boulder, Colorado, folgte Reto Knutti 2007 einem Ruf als Assistenzprofessor an die ETH Zürich. Seit 2016 ist er Ordentlicher Professor für Klimaphysik am Institut für Atmosphäre und Klima im Departement Umweltsystemwissenschaften.

Mit mehr als 145 begutachteten Fachartikeln in renommierten Zeitschriften gehört er heute – mit 45 Jahren – bereits zu den prägenden Figuren der Klimawissenschaft; eine Feststellung, die auch durch die Tatsache untermauert wird, dass Reto Knutti zum einen Prozent der am meist zitierten Klimaforscher weltweit gehört.

In seiner Forschung befasst er sich mit den Veränderungen im globalen Klimasystem, die von anthropogenen Treibhausgasen wie etwa Kohlendioxid verursacht werden. Dabei verwendet er numerische Modelle unterschiedlicher Komplexität.  Zu seinen einflussreichsten Beiträgen gehört die Quantifizierung von Rückkopplungen im Klimasystem und der Klimasensitivität.
Letztere wird oft als die wichtigste Determinante des Klimawandels bezeichnet und bestimmt die langfristige Erwärmung als Folge des menschgemachten CO2-Ausstosses. Reto Knutti hat die Einschätzung dieser Thematik in zwei Berichten des UNO-Weltklimarats (IPCC) koordiniert und dazu die zwei umfassendsten, wissenschaftlichen Reviews geschrieben.
Er hat in seiner Forschung auch gezeigt, dass die Erwärmung durch CO2-Emissionen zu einem Grossteil unumkehrbar ist, auch wenn die Emissionen heute vollständig gestoppt werden könnten. Weiter hat Reto Knutti und sein Forschungskollege Markus Huber mit Methoden der Wahrscheinlichkeitsrechnung und mit Energiegleichgewichts-Modellen den Anteil verschiedener Treibhausgase errechnet, die der gemessenen Erwärmung zuzuschreiben sind.

Zusammen mit Erich Fischer konnte er in einer weltweit beachteten Studie zeigen, dass bereits heute rund 75% der Hitzetage und ca. 18% der Starkniederschläge auf menschgemachte Klimaerwärmung zurückzuführen sind. Und dass sich diese Entwicklung nicht-linear fortsetzen wird mit zunehmender Erwärmung. In Zusammenarbeit mit seinem ehemaligen Doktoranden Joeri Rogelj hat Reto Knutti das Konzept eines “CO2-Budgets” geprägt und in die politische-gesellschaftliche Diskussion eingebracht, um bildhaft zu vermitteln, dass die Erderwärmung gekoppelt ist an den Ausstoss einer maximalen Treibhausgasmenge, die quantifizierbar ist. Dieses Konzept ist auch in den 5. IPCC-Bericht und in die Klimaverhandlungen der Vereinten Nationen eingeflossen.  

Wenn man sich die wissenschaftliche Karriere des Preisträgers vergegenwärtigt, fällt einem die Breite seines Interessensfeldes auf. Reto Knutti ist nicht einer, der sich in sein Fachgebiet verbeisst, um sich dann im Elfenbeinturm wohlig einzurichten. Vielmehr sucht er die intellektuelle Auseinandersetzung und interdisziplinäre Befruchtung.

Zu erwähnen ist hier seine frühe Zusammenarbeit mit MeteoSchweiz mit dem Ziel, die Klimawissenschaft mit den konkreten Herausforderungen der Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft zu verknüpfen. Zusammen mit Wissenschaftlern von Meteo-Schweiz hat er – gestützt auf globalen Klimamodelle – Szenarien für die Schweiz zu entwickeln. Dann schloss er sich mit Ökonomen zusammen, um optimale Anpassungsstrategien, inklusive Geo-Engineering, an den Klimawandel zu entwickeln. Daraus entstanden dann die vor wenigen Tagen vorgestellten Klimaszenarien für die Schweiz. Dieses Gemeinschaftswerk von Bund und Hochschulen liefert wichtige Grundlagen für Entscheide von Behörden, Firmen und Privatpersonen.  

Aber der Interessenshorizont von Reto Knutti ist damit noch nicht erreicht. Zusammen mit Wissenschaftsphilosophen untersucht er in einem Projekt, wo die Unterschiede im Erkenntniswert von prozessbasierten gegenüber statischen Modellen liegen. In Zusammenarbeit mit Sozialwissenschaftlern und Psychologen hinterfragt er im Weiteren die unterschiedliche Wahrnehmung von Klimagrafiken aus den IPCC-Berichten durch Studierende, Medienschaffende und Politiker.

Die Ergebnisse des Projekts zeigen, dass der Art und Weise, wie Wissenschaft in visueller Form kommuniziert wird, bisher nur unzureichend Beachtung geschenkt wurde, und sie gibt wichtige Hinweise, wie dies in Zukunft verbessert werden kann. Man könnte hier noch weitere Beispiele anfügen, doch das bisher Gesagte zeigt bereits klar auf: Reto Knutti als Forscher zeichnet sich sowohl durch fachliche Tiefe aus wie auch durch die Breite seiner Interessen.  

Lassen Sie mich nun auf seine Rolle als Kommunikator und Wissensvermittler zu sprechen kommen, was ja ein weiterer Grund ist für seine Ehrung heute ist. Es ist wohl nicht übertrieben, Reto Knutti als eine der profiliertesten Schweizer Stimmen zu bezeichnen, wenn es darum geht, Orientierungswissen zum Klimawandel und zu Aspekten der Nachhaltigkeit zu vermitteln.

Um den Preisträger indirekt zu zitieren: wissenschaftliche Erkenntnisse sind von begrenzter Wirkung, solange es der Wissenschaft nicht gelingt, die Bevölkerung von deren Relevanz zu überzeugen.  
Er geht mit gutem Beispiel voran und erklärt unermüdlich in Vorträgen und gegenüber Medien die Fakten zum Klimawandel, ohne je missionarisch zu wirken, ohne dabei auszublenden, welche Annahmen den Modellen zugrunde liegen und wo noch Unsicherheiten in den wissenschaftlichen Aussagen bestehen. Reto Knutti hat keine Berührungsängste und steht dem Regionalblatt ebenso selbstverständlich Red und Antwort wie der New York Times; er diskutiert mit dem gleichen Interesse an der Sache in der Jugendsendung Zambo von SRF wie mit den Blick-Lesern im Live-Chat.  

Dabei findet er die für das jeweilige Medium passende Sprache, um sich beim Publikum Gehör zu verschaffen; so scheute er sich auch nicht, für die Sendung „Einstein“ des Schweizer Fernsehens eine Badewanne mit Wasser zu füllen, um das Konzept des limitierten CO2-Budget zu veranschaulichen.

So wie der Preisträger in seiner Forschung den Austausch mit anderen Disziplinen sucht, so experimentierfreudig agiert er auch in der Wissenschaftskommunikation. Früh schon versuchte er Themen des Klimawandels in einem Video-Formats zu vermitteln. Weiter ist er Mitinitiant des ETH-eigenen Wissenschaftsblogs und seit ein paar Monaten ist er auch auf den Sozialen Medien präsent mit einem eigenen Twitter-Konto.

Dass die digitale Medienrevolution nebst vielem Positiven auch ihre negativen Auswirkungen hat, wissen wir alle zur Genüge. In einem kürzlich veröffentlichten Blog-Beitrag mit dem Titel „Forschen in Zeiten von Fake News“ schreibt er denn auch, ich zitiere: «Kommunikation zum Klimawandel ist nichts für zartbesaitete Seelen». Er lässt sich – zu Glück – durch diese Störmanöver nicht davon abbringen, über relevante Fragen öffentlich nachzudenken und zu diskutieren.

Auch in der Kommunikation mit der Politik und der internationalen Diplomatie hat Reto Knutti einen Leistungsausweis vorzuweisen. So präsentierte er 2013 die Resultate des IPCC-Berichts den Verhandlungsdelegationen der Vereinten Nationen. Als führender Autor des 5. IPCC-Berichts erlebte Reto Knutti 2013 hautnah, wie der Konsens der Wissenschafts-Community am Schluss in die Mühlen der Politik geriet und die Länderdelegationen um einen gemeinsamen Text zuhanden der Regierungen rangen.

Ein zweites Zwischenfazit lässt sich an dieser Stelle ziehen: Offenheit und ein Talent, komplexe Sachverhalte klar darzustellen, sind Qualitäten, die Reto Knutti als Kommunikator und Wissensvermittler immer wieder zeigt. Er ist dadurch zu einer wichtigen Stimme der Wissenschaft geworden, die in der Öffentlichkeit hohes Ansehen und Glaubwürdigkeit geniesst.

Untrennbar mit den beiden vorgängig besprochenen Rollen des Forschers und des Kommunikators stellt sich die Frage der gesellschaftlichen Verortung. Wie definiert er sich als Wissenschaftler und Staatsbürger? Wo zieht er die Grenze zwischen der Teilnahme am gesellschaftlichen Diskurs und einseitiger Parteinahme? Wie löst er für sich persönlich das Dilemma, sich als Experte einzumischen, ohne von ideologischen oder parteipolitischen Interessen vereinnahmt zu werden?

Es sind dies alte Fragen – denken Sie an Max Webers «Wissenschaft als Beruf – denen sich der Preisträger aber immer wieder stellt. Er ist sich der Fallstricke durchaus bewusst, die ein gesellschaftliches Engagement in einem politisch und emotional aufgeladenen Thema mit sich bringt. Eindeutige Antworten und Rezepte gibt es nicht. Und oft trennt nur eine dünne Line den aktiven Wissensvermittler vom aktivistischen Warner.

Gewiss, es wäre viel einfacher und bequemer, sich aus der Diskussion rauszuhalten. Das ist jedoch Reto Knuttis Sache nicht. Aus zwei Gründen: Zum einen sieht er eine öffentlich finanzierte Hochschule wie die ETH in der Pflicht, ihr Wissen der Gesellschaft verfügbar zu machen. Und verfügbar wird das Wissen nur, wenn der Wissenschaftler sich auch der öffentlichen Diskussion stellt. Zum andern droht einer Wissenschaft, die zu den wichtigsten Zeitfragen schweigt, die Bedeutungslosigkeit.   

Es ist an der Zeit, auf den eingangs erwähnten Begriff des Honest Brokers kurz einzugehen, den der US-amerikanische Umweltwissenschaftler Roger Pielke in seinem Buch «The Honest Broker: Making Sense of Science in Policy and Politics» beschreibt. Quasi das Alleinstellungsmerkmal des Honest Broker, so Pielke, «is the commitment to clarify the scope of possible action so as to empower the decision maker».

Der Honest Broker weitet somit den Sichtbereich der Möglichkeiten für politische Entscheidungsträger, in dem er in Szenarien denkt und nach bestem Wissen und Gewissen Chancen und Risiken aufzeigt. Er hält sich hingegen zurück, Stellung zu beziehen zu konkreten politischen Massnahmen. Ebenso ist er sich der Grenzen der eigenen Expertise bewusst.

Ich denke, dies beschreibt Reto Knuttis Rollenverständnis ziemlich gut. Er geht offen auf Medien, Behörden und die Politik zu, zieht aber dort eine Grenze, wo die Gefahr der Instrumentalisierung droht. Getreu der Maxime, möglichst mit allen Anspruchsgruppen das Gespräch zu suchen, interessiert ihn die Diskussion quer durch das ganze Parteienspektrum. Die Wahlkampagne eines einzelnen Politikers zu unterstützen, wäre hingegen eine Grenzüberschreitung.   
Das führt mich zum dritten und letzten Zwischenfazit: Reto Knutti als Honest Broker zeigt uns den Weg, wie man sich als Wissenschaftler engagieren und dabei unabhängig und glaubwürdig bleiben kann. Er lebt Intellektualität, Engagement und Pragmatismus zugleich.   

Meine sehr geehrten Damen und Herren, lieber Reto. Ich komme zum Schluss meiner Ausführungen. Wir feiern heute die Preisübergabe an eine Persönlichkeit, die sich mit Verve für ein besseres Verständnis der Komplexität des weltweiten Klimasystems und für einen verantwortungsvollen Umgang jedes einzelnen mit unserer Umwelt einsetzt.

Eine Persönlichkeit, die nicht nur in den einzelnen Rollen des Wissenschaftlers, Kommunikators und Honest Broker zu überzeugen vermag, sondern dem es auch gelingt, diese zu einem glaubwürdigen Ganzen zu vereinen.

Ich wünsche dem Preisträger, dass ihm dieser Balanceakt auch in Zukunft gelingen möge und freue mich nun mit Ihnen auf seinen Vortrag.

Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

 

 

Preisrede

Prof. Dr. Reto Knutti

Ansprache von Prof. Dr. Reto Knutti anlässlich der Preisverleihung

 

 

Fotogalerie

Reto Knutti
Reto Knutti
Reto Knutti
Reto Knutti
Reto Knutti