Yvonne Kurzmeyer

yvonne kurzmeyer

30. Preisverleihung 2019
der Stiftung Dr. J. E. Brandenberger
am 30. November 2019 in Bern

2019 geht der Preis der Stiftung Dr. J.E. Brandenberger an Frau Yvonne Kurzmeyer

 
 
Gründerin der «Schweizer Tafel» erhält Brandenberger Preis 2019

Der mit CHF 200'000 dotierte jährliche Preis der Stiftung Dr. J.E. Brandenberger wird 2019 Yvonne Kurzmeyer, der Gründerin der «Schweizer Tafel» für ihre herausragenden Leistungen bei der Schaffung und Umsetzung wirkungsvoller Methoden und Strukturen zur Verwendung überschüssiger Ressourcen zugunsten Bedürftiger verliehen.

Es wird damit eine Persönlichkeit ausgezeichnet, die im Jahr 2000 die damalige «Berner Tafel» gründete, die dazu gedacht war, noch einwandfreie Lebensmittel mit abgelaufenem Haltungsdatum Bedürftigen zukommen zu lassen. Die «Berner Tafel» war vorerst im Raum Bern/Murten aktiv und konnte schon nach kurzer Zeit auf ein gutes Duzend Lebensmittelspender aus dieser Region zählen. Die Organisation ist seither kontinuierlich ausgebaut worden und heute ist sie unter dem Titel «Schweizer Tafel» in zwölf Regionen der Schweiz aktiv. Sie beschäftigt rund ein Dutzend Mitarbeitende und rund 80 Freiwillige, unter ihnen auch Zivildienstleistende und Personen aus Re-Integrationsprogrammen.

Aus der Initiative von Yvonne Kurzmeyer nach dem Motto «Essen verteilen – Armut lindern» ist eine eindrücklich nachhaltige und sozial wichtige Institution entstanden. Zwischen 2000 und 2018 sind rund 40 Millionen Kilogramm einwandfreie Lebensmittel vor der Vernichtung bewahrt und einem guten Zweck zugeführt worden. Jährlich werden rund 4000 Tonnen Lebensmittel im Wert von 26 Millionen Franken mit 36 Kühlfahrzeugen an soziale Institutionen wie Obdachlosenheime, Gassenküchen, Notunterkünfte sowie an Abgabestellen verteilt. Die Stiftung «Schweizer Tafel» ist vollumfänglich spendenfinanziert; sie kann heute auf einen Kreis von Unterstützern und Partnern sowie den «Gönnerverein Schweizer Tafel» für die Mittelbeschaffung und eine professionelle Medienarbeit zählen. Mit der jährlichen nationalen Spendenaktion «Suppentag» konnte auch die Schweizer Bevölkerung für die Thematik sensibilisiert werden.

Für die Preiskommission entspricht das Lebenswerk von Yvonne Kurzmeyer in hohem Masse den Anforderungen für den Brandenberger Preis 2019. Mit dem plötzlichen Tod der Präsidentin der Preiskommission, Annemarie Huber-Hotz (+), erfüllt sich mit der diesjährigen Auszeichnung auch ihr Vermächtnis: menschliches Engagement, Weitsicht und Durchsetzungskraft, auch gegen erhebliche Widerstände, verdienen Anerkennung und Auszeichnung.

Die Preisverleihung fand am 30. November 2019 in Bern statt.

 

 

 

 

Eröffnungsansprache

Stiftungsratspräsident Carlo Schmid-Sutter

stiftung brandenberger 02

Sehr geehrte Frau Kurzmeyer
Sehr geehrte Verwandte, Freunde und Kollegen der Preisträgerin
Sehr geehrter Frau Laudatorin
Sehr geehrte Preisträger des Preises der Stiftung Dr. J. E. Brandenberger
Sehr geehrte aktive und emeritierte Mitglieder des Stiftungsrates und der Preiskommission
Sehr verehrte Damen und Herren


Es freut mich, Sie im Namen des Stiftungsrates der Stiftung Dr. J. E. Brandenberger begrüssen zu dürfen, um mit Frau Yvonne Kurzmeyer eine Persönlichkeit zu ehren, die sich nach dem Urteil der Preiskommission und des Stiftungsrates unserer Stiftung in einem weit über Übliche hinausgehenden Engagement um das Wohl der Allgemeinheit verdient gemacht hat.

Vor allen anderen begrüsse ich selbstverständlich die Preisträgerin, Frau Yvonne Kurzmeyer und ihre Familie sowie Vertreterinnen und Vertreter des Stiftungsrates und des Gönnervereins der Stiftung „Schweizer Tafel“ und ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Wir überreichen den mit Fr. 200'000 dotierten Preis heute zum 30. Mal. Seit der ersten Preisverleihung am 6. Oktober 1990 durften wir 29 Persönlichkeiten mit dem Brandenberger Preis auszeichnen, der am 9. Dezember 1965 von der im Jahre 1986 verstorbenen Frau Irma Marthe Brandenberger in Erinnerung an ihren Vater, Dr. Jacques Edwin Brandenberger, gegründet wurde. Der in Bern promovierte Chemiker Jacques Edwin Brandenberger hat mit der Erfindung und der Kommerzialisierung der Viscosefolie "Cellophan" in Frankreich ein Vermögen gemacht. Seine Tochter und Erbin Irma Marthe Brandenberger war stark dem Gemeinwohl verpflichtet und hat ihren gesamten Nachlass der Stiftung hinterlassen. Leitgedanke der Stiftung ist die Ausrichtung eines Preises an Personen, „die sich unter grossem und anhaltendem Einsatz der Verbesserung der materiellen oder immateriellen Lebensbedingungen von Menschen verschrieben und sich dabei besondere Verdienste erworben haben.“ Unabhängig von Geschlecht und konfessioneller oder politischer Überzeugung sollen besondere Leistungen auf dem Gebiete der Natur- und Geisteswissenschaften, der Sozialarbeit, der Förderung und der Erhaltung der humanitären Kultur sowie der Hebung des Lebensstandards ausgezeichnet werden.

Wir durften Personen auszeichnen, die sich um die Erhaltung und Verbesserung der Lebensverhältnisse durch Beiträge im Bereiche der Ökologie und der Biologie verdient gemacht haben: unter anderen die hier anwesenden Preisträger

  • René Haller, der wegweisende Verfahren zur Renaturierung verseuchter Industriestandorte entwickelte und umsetzte;
  • Regula Ochsner, die mit einfachen und effizienten Massnahmen gegen die Abholzung von Tropenwäldern kämpft;
  • Martin Wegelin, der mit einfach anzuwendenden physikalischen Methoden zur Versorgung benachteiligter Gegenden mit sauberem Trinkwasser beiträgt; und
  • Walter J. Ammann, der mit dem Konzept des integrierten Risikomanagements öffentliche Verantwortungsträger in aller Welt sensibilisiert.

Zur Verbesserung der Lebensgrundlagen gehört auch die Vermittlung von Bildung, die Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten in schwierigstem Umfeld und die Entwicklung von Verfahren zum Erkennen und Lösen sozialer Probleme in einer alternden Gesellschaft. Für ihre Leistungen in diesem Gebiete sind gewürdigt worden Frau Susanna Fankhauser – Peres de Leon, die sich insbesondere der sprachlichen Integration von Immigranten in der Schweiz angenommmen hat und der Generationenforscher François Höpflinger, ich begrüsse beide recht herzlich.
Für ihren Beitrag zur Stärkung der kulturellen Beziehungen zwischen der Romandie und der Deutschschweiz durften wir die Genfer Verlegerin Marlyse Pietri auszeichnen. Auch Marlyse Petri ist heute bei uns.
Der Einsatz für die Beachtung der Menschenrechte und die humanitäre Hilfe ist eine edle Aufgabe, der sich bedeutende schweizerische Persönlichkeiten gewidmet haben: unter andere der UNO Delegierte für Vertriebene Walter Kälin, die OSZE- und UNO- Delegierte im Balkan, im Kaukasus und in der Ukraine, Heidi Tagliavini, welche ich ebenfalls herzlich willkommen heisse.

Yvonne Kurzmeyer setzt die Reihe dieser verdienten Persönlichkeiten als 30. Preisträgerin fort. Ohne der Laudatio vorgreifen zu wollen, darf ich die heutige Ehrung in den grösseren Rahmen unserer Preisverleihungspolitik stellen, die dem Stiftungszweck entsprechend jedes Jahr eine schweizerische Persönlichkeit ehrt, die sich der Verbesserung der materiellen oder immateriellen Lebensbedingungen von Menschen verschrieben haben.
Für das Jahr 2019 gab der Stiftungsrat der Preiskommission das Thema „Überfluss und Verschwendung vs. Mangel und Bedürftigkeit“ vor - der Preiskommission, die während des gesamten Findungsverfahrens noch von der unvergessenen Annemarie  Huber-Hotz in ihrer gescheiten und umsichtigen Art geleitet wurde und der wir auch an dieser Stelle dankbar gedenken.
Aufgabe der Preiskommission war es, eine Persönlichkeit zur Ehrung vorzuschlagen, welche mit dem Aufbau dauerhafter Strukturen und unter Einsatz wirkungsvoller Methoden dazu beitrug, überschüssige Ressourcen zu Gunsten Bedürftiger einzusetzen. Dieser Auftrag war nicht ganz trivial, weil eine Person zu suchen war, deren Tätigkeit sowohl eine soziale, oder distributionsethische wie auch eine ökologische oder konsumethische Komponente aufwies und erst noch professionell und auf Dauer audgebaut war.

Das Bemühen, eine intakte Umwelt zu erhalten, hat in den letzten Jahren zugenommen. Zu diesem Bemühen gehört das Bestreben, Ressourcen nicht zu verschwenden. Die ökologischen Nachteile einer beinahe grenzenlos wachsenden Wirtschaft mit einem stets fortschreitenden Ressourcenverzehr und einer enormen Anhäufung von überflüssigen Gütern sind gerade in den letzten Jahren offensichtlich geworden: es werden Schuhe produziert, die nie gebraucht werden, Textilien, die – modebedingt - einmal getragen und dann entsorgt werden; Geräte, deren Qualität nach kurzer Zeit jeden Gebrauch verunmöglichen; zum Teil werden Güter produziert, deren Lebensdauer vom Hersteller bewusst künstlich verkürzt wird, es werden Verpackungen geschaffen, die nur einmal verwendet werden können, und es Apparate so billig angeboten, dass sie bei Defekten nicht repariert, sondern entsorgt und durch neue ersetzt werden.
Der ökologische Schaden ist evident. Es werden Böden belastet, Wasser wird verschmutzt und unbrauchbar gemacht, Luft wird verschmutzt, Bodenschätze werden sinnlos vergeudet, Energie verschwendet, das Klima belastet, das Meer vermüllt. Diese Verschwendung von Ressourcen belastet die Umwelt und gefährdet Leben und Gesundheit vieler Lebewesen.

Der Kampf gegen diese Verschwendung von Ressourcen beginnt bei der Ursachenforschung und bei der Verbreitung der Einsicht, dass bereits am Anfang der Konsumkette eine mentale Umorientierung eingeleitet werden muss: die Ausbeutung nicht erneuerbarer Ressourcen muss eingedämmt, auf ein vernünftiges Mass beschränkt werden; ein Beispiel für diesen Ansatz ist der letztjährige Preisträger Reto Knutti, zum besseren Verständnis für die Klimaveränderungen, ihre Ursachen und ihre Auswirkungen in der Bevölkerung beigetragen hat und beiträgt.

Die heutige Preisträgerin hat einen Ansatz auf der anderen Seite der Konsumkette gewählt. Ihre Strategie besteht darin, das sinnvoll zu verwenden, was ohnehin schon produziert worden ist, eine Strategie, die besonders im Nahrungsmittelbereich augenfällig und nötig ist. In der Schweiz geht man davon aus, dass von den knapp 8 Millionen Tonnen Nahrungsmitteln, welche pro Jahr in der Schweiz produziert werden, rund 2.6 Millionen Tonnen nicht verzehrt werden; rechnet man die für den Verzehr nicht geeigneten Weizen- und Maishalme, Kuhhäute und Schafwolle etc. ab, so bleiben rund 1.6 Millionen Tonnen, die zum Zeitpunkt der Entsorgung geniessbar wären, aber entsorgt werden. Überfluss, der verschwendet wird. Der Kampf gegen die Verschwendung von Gütern aller Art, insbesondere auch von Lebensmitteln ist heute – sagen wir – salonfähig geworden, auch der Bund ist auf diesen Zug aufgestiegen, wie gerade die aktuelle «safe food, fight waste» Aktion zeigt und dienen sogar als Geschäftsmodell für aufgeklärte, urbane Lebensmittelläden.

Hier kommt Yvonne Kurzmeyer ins Spiel; sie hat erkannt, dass Überfluss auch eine soziale Relevanz hat. Es gibt auch in unserem Lande noch Menschen, die am Überfluss nicht teilhaben, man rechnet in der Schweiz, dass rund 700'000 Personen unter der Armutsgrenze leben, die nicht genug Kaufkraft haben, um am Überfluss zu partizipieren. Yvonne Kurzmeyer hat gesehen, dass der Überfluss der einen den Mangel der anderen lindern kann; es sind wohl weniger ökologische Motive gewesen, die sie zu ihrem Handeln getrieben haben, als vielmehr soziale. Es ist offensichtlich, dass es ihr um die Beseitigung von Ungerechtigkeit, um die gerechte Verteilung von Gütern, ging.

Yvonne Kurzmeyer ist eine Person, deren Tätigkeit sowohl eine soziale wie auch eine ökologische Komponente aufwies.

Sie ist auch eine Person, deren Tätigkeit professionell und auf Dauer aufgebaut war und ist.

Gutgemeinte Aktionen, die mangels Professionalität keine anhaltende Wirkung zeigen, gehören ebenso wenig in den Bereich der preiswürdigen Tätigkeiten wie professionell und wirkungsvoll arbeitende Strukturen, hinter denen primär Erwerbs- oder Prestigeabsichten stehen. Der Brandenbergerpreis soll weder blosse Gesinnung noch blossen Erfolg auszeichnen; die Preiswürdigkeit ergibt sich aus der Kombination vom Engagement zur Verbesserung der Lebensbedingungen und professioneller Wirksamkeit.

Die von Yvonne Kurzmeyer gegründete Schweizer Tafel ist eine seit bald zwanzig Jahren aktive Institution, die breit abgestützt in der ganzen Schweiz täglich tätig ist. Frau Kurzmeyer kann für sich in Anspruch nehmen, mit innerem Engagement eine Organisation geschaffen zu haben, welche zur Verbesserung der Lebensbedingungen Bedürftiger auf professionelle Art wirksam beiträgt. Sie hat damit in der Schweiz eine Pionierleistung vollbracht, der mittlerweile viele weitere Organisationen gefolgt sind und die Wirkung ihrer Initiative vervielfachen.
Wir freuen uns, ihr den Preis der Stiftung Dr. J. E. Brandenberger überreichen zu dürfen.

 

 

 

 

 

Laudatio

Verena Weibel

stiftung brandenberger 04

 

Sehr geehrter Herr Präsident
Sehr geehrte Damen und Herren
Liebe Yvonne Kurzmeyer


Die junge Frau war mit Herzblut Mutter und Hausfrau mit allem Drum und Dran, was immer das heisst. An einem freien Abend traf sie sich mit einem Freund zu einem Glas Wein in einem Restaurant.

Da kam ein Mann herein. Sie erkannten einen gemeinsamen Bekannten und baten ihn an ihren Tisch. Er begann von sich zu erzählen. Geschieden, psychische Probleme, Job verloren.

Er erzählt von entwürdigenden Gängen von Amt zu Amt, niemand fühlte sich zuständig, schliesslich war er völlig ausgesteuert und durch alle sozialen Netze gefallen. Yvonne, sagte er, Du hättest doch Zeit und auch die finanziellen Mittel, um etwas aufzubauen, was solche Totalabstürze vermeidet.

Yvonne Kurzmeyer wuchs in einer Unternehmerfamilie in Luzern auf. Sie besuchte das Primarschul-Lehrerseminar und eine Handelsschule. Nach einigen Stellen in Hotels wurde sie regionale Verkaufsleiterin in der väterlichen Firma.

Ihr Vater kam aus bescheidenen Verhältnissen, was er nie vergessen hat. Er hat seine Kinder immer wissen lassen, dass ihr Lebensstil nicht selbstverständlich ist. Dass einem das gute Leben eine Verantwortung überträgt für die, denen es nicht so gut geht.

Das hat Yvonne geprägt. Sie war sich immer bewusst, dass sie privilegiert ist und Glück hatte in ihrem Leben. Deshalb traf das Gespräch mit dem Bekannten einen zentralen Nerv. Kurz darauf gründete sie die Stiftung «Hoffnung für Menschen in Not». Mit dem Motto «Die Sonne muss für alle scheinen.»
Wie es zur Idee der Schweizer Tafel und zum entsprechenden Projekt gekommen ist, erzählt uns anschliessend Yvonne Kurzmeyer selbst.

Sie hat eine Sache aufgegriffen, die damals noch nicht ins Bewusstsein der Menschen gedrungen war. Als die Migros 1967 die Produktdeklaration mit einem Haltbarkeitsdatum einführte, war das eine grosse Innovation.

2011 gab es erstmals grosse Schlagzeilen ums Ablaufdatum, weil Coop Metzger verpacktes Fleisch mit abgelaufenem Datum auspackten und zum Frischfleisch legten.

Im Zuge der Diskussionen um den Klimawandel tauchte ein neuer Begriff auf. Heute ist «Food Waste» ein grosses Thema. Nun steht auf meinem Milchbeutel nicht mehr nur ein Ablaufdatum, sondern deren zwei. «Verkaufen bis» und «Mindestens haltbar bis». Was immer noch Fragen offen lässt, wie ich neulich am Radio hörte. Was heisst denn «mindestens»?

Da müsse man, meinte die Moderatorin, eben   «schauen, schmecken, riechen».

Esswaren, deren Verkaufsdatum abgelaufen ist, sollen bedürftigen Menschen zugutekommen. Das ist die Grundidee der Schweizer Tafel. Aus heutiger Sicht lindert das nicht nur die Not, sondern hilft auch dem Klima.
Diese Grundidee umzusetzen war alles andere als einfach. Zuerst galt es Menschen zu finden, die bereit waren, mit am Karren zu ziehen. Das war, denke ich, die einfachste Aufgabe für Yvonne.

Zuerst musste sie aber ihren damaligen Ehemann, Hanspeter Kurzmeyer, damals Mitglied der Geschäftsleitung der Credit Suisse, überzeugen. Der war skeptisch. Armut, dachte er, ist in der Schweiz kein wichtiges Thema.

Trotzdem half er Yvonne. Es wurde klar, dass das Projekt ohne namhaftes Startkapital nicht fliegen würde. Die beiden entschieden, dieses Kapital selber einzuschiessen.

Die Karriere von Hanspeter Kurzmeyer brachte es mit sich, dass das Paar regelmässig den Wohnort wechselte. Dadurch war ein grosses Netzwerk von Bekannten in der ganzen Schweiz entstanden.

Nun konnte Yvonne ihre Begeisterungsfähigkeit einsetzen. Mit ihrer Hartnäckigkeit, ihrem unbändigen Willen etwas zu tun, ihrer Überzeugungskraft, immer gerad heraus, manchmal fast ein bisschen frech - was sie mit ihrem Charme überkompensiert - mit ihrer ungekünstelten Herzlichkeit. Dem kann man ganz einfach nicht widerstehen!

Deshalb ist es ihr gelungen und es gelingt ihr noch immer, Institutionen, Politiker, Wirtschaftsleute vor allem aber ihren grossen Freundes- und Bekanntenkreis zu motivieren, ins Boot zu steigen und mitzuhelfen.

Kürzlich habe ich Xeno, meinem 7-jährigen Enkel erklärt, dass ich auf der Suche nach einem super Dessert sei. Wir hatten Gäste, (verwöhnte Gäste), und ich wollte nur das Beste und selbstverständlich eine Eigenkreation auftischen.

Da empfahl mir Xeno, ich solle doch einfach etwas Fertiges kaufen und schön dekorieren. Die Gäste werden staunen, sagte er und Du hast kaum Arbeit. Woher hat er das wohl, fragte ich mich. Da erinnerte ich mich. Vor zwei Wochen war Yvonne bei uns und hat genau sowas erzählt. Und damit unseren Enkel beeindruckt.

Diese kleine Geschichte ist charakteristisch für Yvonne. Warum kompliziert, wenn es einfach auch geht? Und selbst 7-Jährige lassen sich von ihr umgarnen.

Für Xeno gibt es übrigens noch etwas anderes was ihn an Yvonne fasziniert. Sie fährt ebenso schnell Ski wie sie handelt.

Yvonne Kurzmeyer hatte die Gabe, aus der ehrenamtlichen Mitarbeit ein gesellschaftliches Ereignis zu machen. Der jährliche Höhepunkt ist jeweils der Suppentag. Sie, ihre Mitstreiterinnen und Nachfolgerinnen mobilisieren viel Prominenz, die an jedem Suppentag in vielen Städten Suppen schöpfen.

So wie die legendäre Schauspielerin Heidi Glössner in Bern. Sie hat bis heute noch keinen einzigen Suppentag verpasst. Und zu unserer grossen Freude sitzt sie heute in diesem Saal.
Leute ins Boot holen war das eine. Komplexer war die Umsetzung des Projektes. Primär ging es um den Aufbau einer zweckmässigen Logistik. Dabei kam ihr ihre Erfahrung, die sie als Verkaufsleiterin in der Firma ihres Vaters gemacht hatte, zu Hilfe. Um welche Dimensionen es sich handelt, erfahren Sie später in der Begründung der Preiskommission.

Kreativität - das schätzte Yvonne Kurzmeyer an ihrem Engagement für die «Schweizer Tafel» am meisten.

«Ich habe soviel dazugelernt – ich möchte das nie und nimmer missen!»

Und dieses Engagement war zeitweise eine anspruchsvolle Vollzeitaufgabe – natürlich ohne Entgelt.

Sie kennen womöglich diese kleine Geschichte.

Ein Reisender begegnet auf seinem Weg drei Steinmetzen und fragt sie, was sie tun. Der Erste sagt: Ich behaue den Stein. Der Zweite: Ich verdiene mein Geld. Und der Dritte: Ich baue mit an der Kathedrale.

Der Unterschied zwischen den dreien ist offensichtlich. Der dritte Steinmetz arbeitet mit an etwas, das Sinn macht. Er haut die Steine nicht nur am schönsten, er lebt auch glücklicher. «Etwas Sinnvolles tun», habe ich kürzlich gelesen, heisst, «dass es anderen etwas bedeutet.»
In Anlehnung an das Gleichnis könnte man sagen, dass Yvonne Kurzmeyer am Bau einer Kathedrale mitgewirkt hat. Mehr noch. Von ihr stammt die Idee, diese Kathedrale in der Schweiz zu bauen. Die Kathedrale heisst Schweizer Tafel. Sie ist sinnstiftend, weil sie für viele Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, viel bedeutet.

Auch Hanspeter Kurzmeyer lernte inzwischen, dass es selbst in der reichen Schweiz zu viele Menschen gibt, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. In den Sommerferien fuhren bisweilen auch die Kinder von Yvonne und Hanspeter mit den Tafelwagen in Bern und Freiburg mit. Sie blickten dabei in eine andere Welt und wurden sich bewusst, wie privilegiert sie sind.

Yvonne Kurzmeyer hat die Idee der Abgabe von einwandfreien Lebensmitteln an Bedürftige nicht erfunden. Die ersten Food Banks entstanden bereits 1963 in den USA. 1993 wurde die Berliner- Tafel gegründet. So wanderte die Idee um die Welt und kam, dank Yvonne auch in die Schweiz. Später auch nach Litauen.

Die Verantwortlichen der Maistobankas aus Litauen nahmen mit Yvonne Kurzmeyer Kontakt auf und baten sie, ihnen ihre Erfahrungen weiterzugeben. Kann es ein schöneres Kompliment für die Qualität einer Organisation geben?

Die Schweizer Tafel wurde zu einem Begriff. Er wurde sogar in einem Wörterbuch aufgeführt. Im Wörterbuch mit den 100 missverständlichsten Begriffen der Schweiz. Mit folgender Erläuterung:
 
Schweizer Tafel: Ist keine Schokolade, sondern ein soziales Projekt, das gratis einwandfreie Nahrungsmittel an Bedürftige verteilt.

Es folgten noch mehr Komplimente. 2004 liess der Schweizerische Fundrising-Verband verlauten:

«Der Fundraising-Preis geht an Yvonne Kurzmeyer für ihr Projekt «Schweizer Tafeln». Ausgezeichnet wurde damit nicht nur eine besondere Person, sondern auch Begeisterungsfähigkeit und echtes Engagement. Eigenschaften, die für ein erfolgreiches Fundraising-Projekt unabdingbar sind.»

Ja  – es gibt tatsächlich noch Steigerungsmöglichkeiten von Komplimenten.

Diesen Sommer erhielt ich von Yvonne ein Telefon. Sie teilte mir mit einer Mischung von Euphorie und Ungläubigkeit mit, sie werde mit dem Brandenbergerpreis der Stiftung Dr. J.E. Brandenberger – Erfinder des Cellophans – ausgezeichnet.

Sie konnte es noch immer kaum glauben, ich übrigens auch nicht. Es hätte ja auch ein Witz einer Luzerner Fasnachtsclique sein können.

Nun, hier in diesem Saal wissen wir: es ist Realität!
Ich darf Ihnen jetzt die Begründung der Preiskommission vorlesen.

«Mit überschüssigen Ressourcen Bedürftigen helfen

Der mit 200'000 Franken dotierte jährliche Preis der Stiftung Dr. J.E. Brandenberger wird 2019 Yvonne Kurzmeyer, der Gründerin der «Schweizer Tafel» für ihre herausragenden Leistungen bei der Schaffung und Umsetzung wirkungsvoller Methoden und Strukturen zur Verwendung überschüssiger Ressourcen zugunsten Bedürftiger verliehen.

Es wird damit eine Persönlichkeit ausgezeichnet, die im Jahr 2000 die damalige «Berner Tafel» gründete, die dazu gedacht war, noch einwandfreie Lebensmittel mit abgelaufenem Haltungsdatum Bedürftigen zukommen zu lassen.


Die «Berner Tafel» war vorerst im Raum Bern/Murten aktiv und konnte schon nach kurzer Zeit auf ein gutes Dutzend Lebensmittelspender aus dieser Region zählen.

Die Organisation ist seither kontinuierlich ausgebaut worden und heute ist sie unter dem Titel «Schweizer Tafel» in zwölf Regionen der Schweiz aktiv. Sie beschäftigt rund ein Dutzend Mitarbeitende und rund 80 Freiwillige, unter ihnen auch Zivildienstleistende und Personen aus Reintegrations- programmen.
 
Aus der Initiative von Yvonne Kurzmeyer nach dem Motto «Essen verteilen - Armut lindern» ist eine eindrücklich nachhaltige und sozial wichtige Institution entstanden.

Zwischen 2000 und 2018 sind rund 40 Millionen Kilogramm einwandfreie Lebensmittel vor der Vernichtung bewahrt und einem guten Zweck zugeführt worden.

Jährlich werden rund 4000 Tonnen Lebensmittel im Wert von 26 Millionen Franken mit 36 Kühlfahrzeugen an soziale Institutionen wie Obdachlosenheime, Gassenküchen, Notunterkünfte sowie an Abgabestellen verteilt.

Die Stiftung «Schweizer Tafel» ist vollumfänglich spendenfinanziert; sie kann heute auf einen Kreis von Unterstützern und Partnern sowie den «Gönnerverein Schweizer Tafel» für die Mittelbeschaffung und eine professionelle Medienarbeit zählen.

Mit der jährlichen nationalen Spendenaktion «Suppentag» konnte auch die Schweizer Bevölkerung für die Thematik sensibilisiert werden.

Für die Preiskommission entspricht das Lebenswerk von Yvonne Kurzmeyer in hohem Masse den Anforderungen für den Brandenberger Preis 2019.»   

Ende Zitat
                 
«Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen.»

Wie zutreffend dieser Satz von Martin Luther ist, wurde uns wieder einmal bewusst, als Annemarie Huber-Hotz, die Präsidentin der Preiskommission, Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes Schweiz und ehemalige Bundeskanzlerin auf einer ihrer geliebten Wanderungen verstarb.

Mit der diesjährigen Auszeichnung gedenken wir auch ihrem Vermächtnis:

«Menschliches Engagement, Weitsicht und Durchsetzungskraft, auch gegen erhebliche Widerstände.»

Dass Yvonne heute diesen Preis entgegennehmen darf erfreut mein Herz.


Etwas stolz auf diesen Preis dürfen auch ganz viele Anwesende in diesem Saal sein. Alle die, auf deren Mithilfe Yvonne seit Jahren zählen durfte, und wofür sie sehr dankbar ist.

Dieser wunderbare Preis ist eine Anerkennung für ihr Engagement. Aber auch für die Unterstützung von Hanspeter Kurzmeyer, der den Start des Projektes erst möglich gemacht hat. Ich freue mich, dass er heute hier ist.

Ich danke der Stiftung Dr. J. E. Brandenberger sehr herzlich für die Wahl von Yvonne Kurzmeyer.
           

Sie hat es verdient!

 

 

 

 

 

 

Preisrede

Yvonne Kurzmeyer

stiftung brandenberger 07

Rede der Preisträgerin Yvonne Kurzmeyer

 

Ein Freitagabend im heissen Juli 2019. Ich komme gerade vom Rosenschneiden im Garten, als das Telefon klingelt und sich ein gewisser Carlo Schmid meldet. Er stellt sich kurz vor und erklärt, wieso er anruft: «Frau Kurzmeyer, Sie sind vom Stiftungsrat der Dr. J. E. Brandenberger-Stiftung zur diesjährigen Preisträgerin erkoren worden. Möchten Sie den Preis annehmen?»

Sehr geehrte Mitglieder der Dr. J.E. Brandenberger-Stiftung,
Sehr geehrte ehemalige Preisträgerinnen und Preisträger
Liebe Familie, liebe Freunde, und liebe Freunde der Schweizer Tafel
Geschätzte Damen und Herren

Seither weiss ich, was die Redensart «Wie ein Blitz aus heiterem Himmel» tatsächlich bedeutet. Ich war einen Moment sprachlos. Völlig sprachlos! Tausend Gedanken auf einmal schossen mir durch den Kopf: Kann ich diesen Preis überhaupt annehmen? Gäbe es nicht würdigere Personen? Was ist mit allen anderen Menschen, die sich mit ebenso viel Elan und Herzblut eingesetzt haben? Und doch sagte ich ohne eine Sekunde zu zögern zu. Ein typischer Charakterzug von mir – nicht lange überlegen, handeln.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer
Lassen Sie uns nun zum eigentlichen Grund übergehen, wieso ich heute vor Ihnen stehe – der „Schweizer Tafel“. Glauben Sie mir, ich könnte stundenlang erzählen, aber das will ich weder Ihnen noch mir zumuten, deshalb habe ich einige Fakten und vor allem einige Geschichten herausgepickt, die Ihnen einen Eindruck von der Geburt oder besser den Geburtswehen und der Entwicklung der Schweizer Tafel vermitteln sollen.
Sie werden unter anderem erfahren, wie viel Nutzen ein einziger Spendenfranken stiftet, wie die Schweizer Tafel mit New York und Berlin zusammenhängt und worauf der Bundesrat 2005 verzichtete.

Ganz an den Anfang stellen möchte ich den Dank. Ich danke der Stiftung Dr. J.E. Brandenberger von ganzem Herzen für diesen aussergewöhnlichen und unglaublich grosszügigen Preis. Das ist die grösste und wertvollste Auszeichnung, die ich für meine Arbeit bei der Schweizer Tafel je bekommen habe. Ich versichere Ihnen, dass ich dieses Geld für eine soziale und nachhaltige Sache einsetzen werde, eventuell für ein neues Projekt.
Weiter danke ich allen Menschen, die sich unermüdlich und mit ungeheurem Enthusiasmus für dieses Projekt engagiert haben und weiterhin engagieren. Ohne sie gäbe es die Schweizer Tafel nicht. Ihnen allen widme ich diesen Preis!
Bitte haben Sie Verständnis, dass ich auf eine namentliche Aufzählung verzichte, das würde den Rahmen dieser Feier sprengen.
Danken möchte ich auch Dir, liebe Verena, für die wunderbare Laudatio. Deine Worte haben mich tief berührt.

Wie Verena Weibel bereits erwähnte, begann alles vor fast genau 20 Jahren zusammen mit einem Freund und einem Projektmanager mit freier Kapazität. Ich musste nur noch Hanspeter, meinen damaligen Ehemann, davon überzeugen, uns zu unterstützen. Ihm möchte ich an dieser Stelle ebenfalls ein grosses Dankeschön aussprechen, ohne ihn hätte ich das Projekt unmöglich starten können.
Schon im April 2000 gründete ich die Stiftung Hoffnung für Menschen in Not, aus der später die heutige Stiftung Schweizer Tafel entstanden ist. Damals ging es noch nicht um Lebensmittel sondern um Beratungen und zweckgebundene finanzielle Unterstützung von Menschen im Grossraum Murten. Wir arbeiteten und halfen so viel wie möglich, aber irgendwie fehlte die zündende Projektidee.
Trotz grösster Anstrengungen und professionellem Fundraising ging uns nach einem Jahr langsam das Geld aus.
Jetzt kam New York ins Spiel! Im Fernsehen sah ich im Spätfrühling 2001eine Dokumentation über die Organisation City Harvest, die in New York bei Gastro-Betrieben übrig gebliebene Lebensmittel von den grossen Buffets einsammelte und an Obdachlose verteilte. Ich war wie elektrisiert! Das war sie. Das war die zündende Projektidee! Wieso sollte so etwas nicht auch in der Schweiz funktionieren!?
Die zündende Idee entpuppte sich allerdings als Fehlzündung. Nach intensiven Recherchen bei Schweizer Gastronomen zeigte sich, dass hierzulande viel weniger Resten anfielen und vor allem kam uns das strenge Schweizer Lebensmittelgesetz in die Quere.
Aber die Idee liess mich nicht mehr los und Victor Hugos Ausspruch «Keine Armee der Welt kann sich der Macht einer Idee widersetzen, deren Zeit gekommen ist» sollte sich einmal mehr bewahrheiten. Bei weiteren Recherchen stiess ich wenig später auf die deutschen Tafeln, die damals schon seit 10 Jahren in rund 300 Städten aktiv waren und Lebensmittel an soziale Einrichtungen verteilten, deren VERKAUFSdatum, nicht aber VERBRAUCHSdatum abgelaufen war. Ich brauchte gar keine zündende Projektidee, jemand vor mir hatte sie schon gehabt! Ich war Feuer und Flamme für dieses Konzept, insbesondere weil wir damit zwei Fliegen auf einen Streich schlagen konnten:

  • Die Lebensmittelverschwendung – neudeutsch Food Waste – vermindern und
  • die Armut lindern.

Einen Namen hatte ich auch schon: „Tischlein deck dich“ sollte das Projekt heissen. Wenn ich jetzt in den Saal schaue, sehe ich auf der einen oder anderen Stirn ein dickes Fragezeichen und leicht gerunzelte Stirnen. „Tischlein deck dich“? Das ist doch eine andere Organisation?! Richtig.
Und Sie sind zu Recht irritiert. Lassen Sie mich die Sache aufklären.
Im Internet prüfte ich, ob es schon eine Organisation mit diesem Namen gab und fand nichts. Ich wollte schlau sein und zuerst testen, wie die Idee ankommen würde. Also rief ich die Firma Roland in Murten an, gab mich als Vertreterin von „Tischlein deck dich“ aus, erklärte, was ich zu tun beabsichtigte, fragte nach überschüssigen Waren und - erlebte mein blaues Wunder. «Gute Frau, wir beliefern Sie doch schon!», erhielt ich als Antwort. Das war zwar etwas peinlich, aber immerhin war klar, dass ich einen anderen Namen für meine Idee finden musste.
Sofort suchte ich das Gespräch mit den Vertretern von „Tischlein deck dich“, um eine eventuelle Zusammenarbeit zu diskutieren. Die Gründerin, eine im Emmental wohnende gebürtige Deutsche, war nicht mehr aktiv tätig, aber sie kannte die deutschen Tafeln und bestärkte mich in meiner Absicht, diese in die Schweiz  zu importieren - insbesondere auch, weil die „Tischlein deck dich“-Bewegung in eine Art Dornröschenschlaf verfallen war und nur noch mit mässigem Engagement vorangetrieben wurde. Dies änderte sich dann innert kurzer Zeit und heute ist „Tischlein deck dich“ ebenfalls eine gewachsene Organisation und ein wichtiger Abnehmer und Partner für uns.

Eine Woche später reisten wir nach Berlin zur ältesten deutschen Tafel um möglichst viel von deren Know-how  zu lernen. Mit grossem Erstaunen nahm ich zur Kenntnis, dass sich diese Non-Profit-Organisation von McKinsey,  einer Management Consulting Firma, hatte beraten lassen. McKinsey hatte diese Arbeit auf pro-bono-Basis geleistet. Von der Berliner Leiterin erhielten wir den Tipp ebenfalls den Tafel- Namen zu verwenden, da in SAT 1 ein Werbespot über die Tafelbewegung lief, der auch im Schweizer Fenster gesendet wurde und eventuell einen Wiedererkennungseffekt erzielen könnte. Damit war die Sache beschlossen, unser Projekt sollte SCHWEIZER TAFEL heissen.

Ein Problem gelöst. Aber wir standen immer noch ganz am Anfang.  McKinsey Schweiz stellte uns während mehrerer Monate drei Berater gratis zur Verfügung, die das deutsche Konzept auf Schweizer Verhältnisse adaptierten und uns damit Unterlagen lieferten, um professionell zu starten. Das war unbedingt notwendig, um potenzielle Spender von Lebensmitteln oder Geld sowie potenzielle Abnehmer von unserer Seriosität zu überzeugen. Ohne Unterstützung der Medien war es kaum zu schaffen, dass hatten die Beispiele aus New York und Deutschland gezeigt. Würde es uns gelingen, sie für die Schweizer Tafel zu begeistern?  Wir wussten es nicht.

Dann kam uns der Zufall zu Hilfe. Als ich im November 2001 erstmals bei Coop Bern anrief und unsere Idee vorstellte, blitzte ich ab. Die zuständige Person wollte uns aus Angst vor Umsatzeinbussen und Konflikten mit dem Lebensmittelgesetz nichts geben und ich sei eh schon die zweite Person, die wegen dieses Themas anrufe. Der erste war ein Journalist des Berner «Bund» gewesen, der einen Artikel über Lebensmittelverschwendung schreiben wollte. Das war DIE Chance! Ich legte den Hörer nicht mehr aus der Hand, bis ich besagten Journalisten am Draht hatte. Als er hörte, was wir zu tun planten und dass wir über valides Datenmaterial verfügten, war er sofort bereit, unser Projekt im Artikel vorzustellen.
Nun mussten wir «nur noch» einen Spender finden. Das ging erstaunlich schnell. Von der Migros Aare erhielten wir sofort eine Zusage. Auf einer ganzen Zeitungsseite wurde im «Bund» das Thema ausgebreitet und die Schweizer Tafel erhielt viel Raum im Artikel.

Jetzt hatten wir einen Spender, Abnehmer und Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit – aber noch kein Fahrzeug für die Auslieferung. Keine Autofirma wollte uns eines zur Verfügung stellen. Wir waren schon so weit, fürs Erste einen Lieferwagen zu mieten, als das Schweizer Fernsehen anrief. Schweiz aktuell war über den Artikel im «Bund» auf uns aufmerksam geworden und wollte bei der ersten Fahrt mit einem Kamera-Team an Bord sein. Wir hatten scheinbar den Nerv der Zeit getroffen. Mit dem Trumpf des Schweizer Fernsehens in der Hand rief ich ein weiteres Mal bei Toyota an, um nach einem Lieferwagen zu fragen. Sie ahnen es schon – liebe Zuhörerinnen und Zuhörer – diesmal erhielten wir eine positive Antwort. 7 Minuten! So lange dauerte der Beitrag vom 18. Dezember 2001 in Schweiz aktuell und sorgte für unglaublich viel Publicity. Gedreht wurde ein ganzer Tag lang. Über die Details, wie ich als AUTOMAT-Fahrerin anfänglich mit einem HANDgeschalteten Lieferwagen unterwegs war, reden wir besser nicht.

Die Berner Tafel war geboren.

Nur ein Jahr später holten in der Region Bern 8 freiwillige Mitarbeiter jeden Morgen bei 12 Detailhandelsgeschäften Lebensmittel ab und verteilten diese an 65 soziale Organisationen.

Das Transportproblem hatte die CS Leasing – dank Vermittlung meines damaligen Ehemanns – in der Zwischenzeit definitiv gelöst. Uns standen gratis zwei Lieferwagen mit Kühlung zur Verfügung. Auch für uns galt die gesetzliche Vorschrift, dass die Kühlkette nie unterbrochen werden durfte. Zum Thema Transport gibt es eine Geschichte aus den Anfängen, die man kaum glauben kann: Gefahren wurden unsere Lieferwagen anfänglich vorwiegend von Arbeitslosen, Menschen aus Wiedereingliederungs-Programmen oder Freiwilligen. Pro Fahrzeug war nur ein Fahrer unterwegs. Es war an einem regnerischen Herbstmorgen, als ich mit meinem Privatauto zufällig eine gewisse Wegstrecke hinter einem unserer Lieferwagen herfuhr und mit Erstaunen feststellte, dass dieser in ein grosses Quartier abbog, einmal hupte und dann am Strassenrand anhielt. Von allen Seiten strömten Leute aus den Häusern und kauften dem Fahrer die Lebensmittel ab. Auf frischer Tat ertappt entschuldigte er sich, er sei auch bedürftig und er finde es nicht richtig, dass er anderen  Lebensmittel verteilen müsse, selbst aber keine bekomme. Wir zogen unserer Konsequenzen aus dem Vorfall: Ab sofort waren in wechselnder Zusammensetzung immer zwei Fahrer in einem Wagen (Controlling heisst das scheinbar in der Fachsprache) und jeder durfte täglich Lebensmittel im Rahmen eines Tagesbedarfs mitnehmen.

Der Oktober 2002 wurde im Rückblick gesehen zu einem Schicksalsmonat für die Schweizer Tafel.  Ich holte mir mit Fred Huber Verstärkung in den Stiftungsrat – und das war ein absoluter Glücksfall. Bis zu unserem gemeinsamen Ausstieg im 2014 durften wir von seinem enormen Know-how profitieren. Wer mich kennt, weiss, dass ich nicht nur ein offener, positiver und anpackender Mensch bin, sondern auch ziemlich hartnäckig sein kann. Während des ganzen ersten Betriebsjahres bohrte ich immer wieder bei verschiedenen Verantwortlichen von Coop nach, um sie zu einer Zusammenarbeit zu bewegen. Erfolglos. Bis ich an Barbara Irnigers Türe klopfte – einer Powerfrau wie aus dem Bilderbuch. Sie brachte die grossartige Zusammenarbeit mit Coop ins Rollen, und ab sofort hatten wir die beiden grössten Schweizer Detailhändler mit an Bord.

Von Anfang an war klar, dass wir nicht auf Bern beschränkt bleiben wollten, aber ebenso klar war, dass jede Expansion seriös finanziert sein musste. Finanzielle Abenteuer konnten wir uns nicht erlauben. Im Dezember 2002 hatten wir die erforderlichen rund 150‘000 Franken für die Eröffnung einer neuen Tafel beieinander sowie eine nachhaltige Idee für den Finanzplan der weiteren Betriebsjahre.
Wir expandierten nach Zürich. Innert kurzer Zeit wurden wöchentlich rund 5‘000 Mahlzeiten an Bedürftige im Grossraum Zürich verteilt. Und das in der reichen Schweiz!
2003 kristallisierte sich immer deutlicher heraus, dass wir bezüglich Finanzierung auf keinen grünen Zweig kamen. Wie vorhin schon gesagt, brauchten wir etwa 150‘000 Franken für die Eröffnung einer Tafel und die Betriebskosten der folgenden Jahre mussten auch gedeckt sein.
Und ja, wir wollten weiter expandieren. Ich weiss, dass ich mich wiederhole, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, aber es konnte und durfte einfach nicht sein, auf halbem Weg stehen zu bleiben.

Dann kamen die Tafel Ladies! Die Tafel Ladies waren eine Fundraising-Idee, auf die ich heute noch stolz bin. Die Tafel Ladies sollten den Finanzbedarf der jeweiligen Tafel in ihrer Region finanzieren helfen, und sie machten dies mit überwältigendem Erfolg. Rund ein Drittel des damaligen Finanzbedarfs stammte schliesslich von ihnen, respektive aus ihren Aktivitäten. Jede Tafel Lady spendete jährlich 5‘000 Franken und suchte selbst weitere Ladies, die ebenfalls bereit waren, diesen Betrag beizusteuern oder Firmen, die 10‘000 Franken gaben. Über den eigenen Beitrag hinaus organisierten sie Charity-Veranstaltungen, Bälle oder kulturelle Anlässe, um nur einige Ideen zu nennen. Und natürlich den Suppentag! Aber dazu später! Was als gemeinnütziger Verein zur Unterstützung der Schweizer Tafel gedacht war, entwickelte sich zu einem Netzwerk für Frauen und zu einer grossen Familie mit enormem Zusammenhalt. «Gönnerverein Schweizer Tafel», so heisst der Verein heute und liebe hier anwesende Damen und Herren, wir nehmen gerne auch neue Mitglieder auf und inzwischen sind auch die Herren herzlich willkommen. Wenn Sie sich engagieren möchten, gibt es heute unterschiedliche Mitgliedschaften mit abgestuften Mitgliederbeiträgen. Wir sind dankbar für jeden Franken! So, das war die Werbeunterbrechung. vBitte verzeihen Sie mir den kurzen Abstecher, aber ich wäre eine schlechte Fundraiserin, hätte ich diese Plattform nicht genutzt.

Dann kam die Krise!

2004 zog es uns beinahe den Boden unter den Füssen weg. Ein fest zugesagter und deshalb budgetierter sechsstelliger Unterstützungsbeitrag wurde aus heiterem Himmel zurückgezogen. Es kam zu einer Krisensitzung mit dem Stiftungsrat. Ich kann mich gut erinnern, wie Thierry Lalive d’ Epinay , unser neuer Stiftungsrat seit 2003, trocken feststellte: «Das Schiff fährt gegen die Wand». Meine Reaktion liess nicht auf sich warten: «Dann verschieben wir die Wand», worauf Thierry verschmitzt vorschlug, dass Fred Huber und ich gemeinsam die Geschäftsleitung übernehmen sollten, um Kosten zu sparen. Gesagt, getan!  Das alleine genügte jedoch nicht: es waren weitere Ideen gefragt!  Kreative Ideen.

Aus einem Brainstorming der Berner Tafel Ladies entstand der Suppentag – heute eine nationale Institution, die gerade vor neun Tagen wieder stattgefunden hat mit einem Glanzresultat: 4500 l Suppe wurden verteilt und rund 160‘000.00 Fr. eingenommen.  Nie werde ich vergessen, wie sich damals die Beteiligten voller Enthusiasmus auf die Aufgaben stürzten und diese Spendenaktion innert weniger Monate aus dem Boden stampften. Man glaubt es kaum, aber die 100‘000 Franken kamen doch noch. Und zwar von einer anderen Quelle, von der Migros. Deren Pressesprecher rief mich an und erklärte, er dürfe 100‘000 Franken unter verschiedenen Organisationen verteilen. Ich solle ihm erzählen, was wir genau machen. Ich legte mich voller Begeisterung ins Zeug und plötzlich unterbrach er mich: «Halt, halt Frau Kurzmeyer, Sie haben mich restlos überzeugt, ich gebe den ganzen Betrag ihrer Organisation!» Damals war ich genauso überwältigt wie nach dem Anruf von Carlo Schmid diesen Juli.

2004 erstellte McKinsey erstmals eine Wertschöpfungsanalyse für unsere Arbeit und errechnete, dass ein Spendenfranken einen Nutzen von sieben Franken generierte. Ein Verhältnis von 1 zu 7. Nicht schlecht, oder? Im 2018 war das Verhältnis bei … Sie werden kaum darauf kommen.Das Verhältnis war bei 1 zu 18. Jeder eingesetzte Franken generierte einen Nutzen von 18 Franken. Langsam aber sicher wuchsen wir, eine Tafel nach der anderen wurde eröffnet.

Bevor ich zum Ende komme, möchte ich mein Versprechen vom Anfang der Rede einhalten und auflösen, was der Bundesrat mit der Schweizer Tafel zu tun hat. 2005 schöpfte die Frau des damaligen Bundespräsidenten Samuel Schmid an unserem 3. Suppentag in Bern Suppe und er kam persönlich vorbei, um einen Teller Suppe zu geniessen. 3 Wochen später erhielten wir dann einen Brief von ihm: Der Gesamtbundesrat verzichtete auf das traditionelle Jahresschlussessen und spendete uns das Geld.
Springen wir nun ein paar Jahre zurück, und zwar ins 2013, ein Jahr vor meinem Rücktritt aus dem Stiftungsrat, wo wir einen Kooperationsvertrag mit Maistobankas Litauen unterzeichneten. Finanziert und unterstützt wurde das Projekt von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA. Zusammen mit zwei Tafelleitern verbrachte ich eine intensive Zeit in Litauen und bin heute ein wenig stolz darauf, dass unser Know-how auch in anderen Ländern hilft, Essen zu verteilen und Armut zu lindern.

Nach 14 intensiven, manchmal aufreibenden aber über alles gesehen sehr befriedigenden Jahren verabschiedete ich mich 2014 zusammen mit Fred Huber aus dem Stiftungsrat und übergab das Zepter an Ruedi Hug. Mit Fred Huber war die Zusammenarbeit absolut stimmig gewesen, insbesondere die 3 Jahre der gemeinsamen Geschäftsführung sind mir in bester Erinnerung. Er war die optimale Ergänzung zu mir und mit ihm würde ich sofort wieder zusammenarbeiten oder sogar ein neues Projekt aufgleisen, aber leider lebt er inzwischen in Kanada. Und mit Ruedi Hug bin ich überglücklich. Ich hätte keinen kompetenteren, umsichtigeren und engagierteren Nachfolger finden können.  

Euch beiden gebührt ein spezielles Dankeschön.

Auch das ganze Team war und ist grossartig und ich hoffe, dass das Werk trotz neuer Herausforderungen noch viele Jahre weitergeführt wird.

Wobei, ehrlich gesagt wäre es mir lieber, wenn die Schweizer Tafel schon morgen überflüssig wäre, und es gar keine Armut und keine Lebensmittelverschwendung mehr geben würde.

Aber so lange sie jährlich rund 4‘000 Tonnen Lebensmittel im Wert von 28 Millionen Franken an armutsbetroffene Menschen verteilt, so lange bin ich froh, dass es sie gibt.

Danke.

 

Fotogalerie

Yvonne Kurzmeyer
Yvonne Kurzmeyer
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Fotos: Josef Ritler